Glauner, Friedrich: Selbstbetrug und Selbsterhalt. Der Weg der Vernunft im Anthropozän
In der kognitiven Selbstermächtigung, wie sie vom abendländischen Denken vorangetrieben wurde, befreite sich der moderne Mensch von vielen seiner überkommenen Bindungen und Dogmen. Das ging einher mit der Zementierung eines Denkens in Trennungen. In ihm begreifen wir uns als Kulturwesen, die sich aufgrund ihrer zivilisatorischen Selbstwerdung zu einem anderen und Höherstehenden verwandelt haben, das außerhalb und über dem Niederen der Natur steht. Es hat dazu geführt, dass wir uns weithin dazu legitimiert sehen, alles, was uns in der Welt als ‘Natur‘ begegnet, nach freiem Belieben uns aneignen und gemäß unseren eigenen Zwecken umgestalten zu können. Mit den dabei erwirkten Errungenschaften der modernen Wissenschaften und Techniken konnten wir so einen in der bisherigen Menschheitsgeschichte unerreichten Stand der kollektiven Wohlfahrt erzielen, das aber zum Preis, dass wir uns damit in die Problemlagen des Anthropozäns manövriert haben, mit denen wir uns heute zunehmend mit uns selbst bedrohen. In der Entfaltung dieser geistig motivierten Entwicklungen beschreibt das Buch die Möglichkeiten, wie wir uns erfolgreich aus den Problembeständen des Anthropozäns befreien können. Der Schlüssel dazu liegt in einer grundlegenden Weiterentwicklung des abendländischen Vernunftdenkens. Hierzu gilt es, das heute vorherrschende Denken der Trennungen auf grundsätzliche Weise zu überwinden. Es gelingt uns, wo wir uns in unseren Selbstfürsorgepraktiken an den Basisprinzipien ausrichten, nach denen die Natur ihre Austauschprozesse organisiert. Es sind die Prinzipien der symbiotischen Ressourcenschöpfung, bei der die einzelnen Organismen mit ihrem Wirken in der Welt einen substanziellen Beitrag dazu leisten, dass sich das Gesamtsystem anreichern, ausdifferenzieren und wachsen kann. Dass, wie und warum solch ein vernunftgeleiteter Schwenk in der Rationalität unserer Selbstfürsorgepraktiken möglich ist, sowie auch, welche Preise entstehen, wenn wir uns auf diesen Schwenk einlassen oder uns ihm auch weiterhin verweigern, ist ebenso Teil der hier vorgetragenen Argumentation wie auch ein Ausblick auf die grundlegenden Praktiken eines ressourcenschöpfenden Handelns, mit dem wir lebensdienlicher werden, denn heute sind wir es offensichtlich nicht.
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