In Der Geltstag - Die Wirtschaft nach der neuen Mode entwirft Jeremias Gotthelf ein ebenso komisches wie unerbittliches Bild einer ländlichen Gesellschaft, die dem Glanz des Kredits, der Spekulation und der nachahmenden Konsumlust verfällt. Der Geltstag, die öffentliche Abrechnung des Bankrotts, wird zum erzählerischen Brennpunkt: An ihm treten verschleierte Besitzverhältnisse, moralische Selbsttäuschungen und die Verführungskraft moderner Wirtschaftsbegriffe zutage. Gotthelfs Stil verbindet drastische Mundartnähe, predigthafte Zuspitzung, satirische Charakterzeichnung und realistische Milieubeobachtung. Im Kontext des schweizerischen Biedermeier und der frühkapitalistischen Umbrüche liest sich die Erzählung als sozialethische Diagnose. Gotthelf, mit bürgerlichem Namen Albert Bitzius, war nicht nur Schriftsteller, sondern reformierter Pfarrer im bernischen Lützelflüh. Seine seelsorgerische Praxis brachte ihn in unmittelbare Nähe zu bäuerlichen Haushalten, Schuldennöten, Erbstreitigkeiten und den Verwerfungen einer sich modernisierenden Dorfökonomie. Aus dieser Erfahrung erklärt sich die Schärfe, mit der er ökonomische Moden, falschen Fortschrittsglauben und den Verlust christlich fundierter Verantwortung beobachtet. Seine Literatur entsteht aus genauer Sozialkenntnis und einem kompromisslosen moralischen Auftrag. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die realistische Prosa nicht als bloße Sittenmalerei, sondern als Analyse gesellschaftlicher Kräfte verstehen. Es bietet eine überraschend aktuelle Kritik an Verschuldung, Statuskonsum und ökonomischer Selbsttäuschung - und zugleich ein eindrucksvolles Beispiel von Gotthelfs erzählerischer Wucht.
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